Frühe Andinisten

Bildschirmfoto 2017-10-10 um 15.45.03Sie seien „zum Andinismus konvertierte Alpinisten“, schreibt Frédéric Marmillod. Das Ehepaar Frédy und Dorly Marmillod gehörten zu den umtriebigsten Andinisten überhaupt. 1938 ging das Paar nach Chile, der Chemie-Ingenieur bekommt dort eine Stelle, die Schweizer werden bis 1960 in Südamerika bleiben, ihre vier Töchter kommen in vier verschiedenen Ländern zur Welt. Was die Eltern nicht davon abhält, Expeditionen zu den höchsten Gipfeln der Cordillera zu unternehmen. Ohne Führer, ohne vernünftige Karten, und mit der mangelhaften Ausrüstung der Epoche. Sie stehen zweimal auf dem Aconcagua, es gelingen ihnen Erstersteigungen, und Dorly ist auf einigen Gipfeln als erste Frau, wird „la reina de la Sierra Nevada“ genannt, die Königin der Sierra; das „Alpine Journal“ bezeichnet sie als „foremost woman mountaineer in the Andes“. Doch ihre Geschichte geriet in Vergessenheit. Nun hat Marc Turrel sie neu aufgeschrieben und in einem Buch, das zugleich ein schöner Bildband geworden ist, veröffentlicht. Der Autor, in Chile Gründer der Zeitschrift „Andines Magazine“, traf sich dafür mit Nachkommen der Familie in der Schweiz und bekam so Zugang zu der Korrespondenz, zu Aufzeichnungen und zu Fotos. Vielleicht kam er der Familie etwas zu nah, er ist voller Lobeshymnen über die beiden Andinisten, über sie als Paar. Doch das Buch ist lesenswert, blättert anhand von Briefen und Tagebüchern das ungewöhnliche Leben auf, allein die Fotos sind sehenswert. Mal sind die beiden in den Bergen unterwegs, dann erscheinen sie wieder als das elegante, junge Paar in Mexiko. Eine Zeittafel und ein Überblick über die Geschichte des Andinismus runden das informative Buch ab. Zurück in Europa steigen beide weiterhin auf hohe Berge – und so endet auch das Leben von Dorly und Frédéric Marmillod: 1978 geraten sie an der Dent d’Hérens in den Walliser Alpen in einen Wettersturz und werden nach erst nach einigen Tagen gefunden. Sie liegen erfroren auf einem Gletscher, aneinandergeschmiegt.       „Tagebuch der Anden – Frédéric und Dorly Marmillod, 1938–1959“ von Marc Turrel. Aus dem Französischen von Verena Tunger. AS Verlag. Zürich 2016. 192 Seiten, 206 Abbildungen. Gebunden, 52,90 €.

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