Will uns etwas weißmachen:

Bildschirmfoto 2015-03-23 um 17.57.51Der Fotograf François Schaer hatte entweder großes Glück oder viel Geduld. Vermutlich letzteres. Jahrelang ist er in Skigebiete gefahren, vornehmlich nach Frankreich und in die Schweiz, um das perfekte Wetter zu finden: Nebel und null Sicht; unter Skifahrern White Out genannt. Diffuses Licht eben, das die Sinne so verwirrt, dass einem übel werden kann. Im Wortsinn: wenn sich alle Konturen auflösen und der Skifahrer nicht mehr bestimmen kann, ob er steht oder fährt, kann sich einem der Magen umdrehen, weil das Gleichgewichtsorgan schlapp macht. Jour Blancs, weiße Tage, hat Schaer seinen ungewöhnlichen Bildband genannt. Wenn denn etwas zu erkennen ist, sehen Betrachter die Seile einer Seilbahn, die im Nichts verschwinden. Eine Kabinenbahn hängt dennoch dran. Einige Streckenpfosten markieren den Rand der Piste, und das ist auch gut so, ohne sie wäre man hier sicher verloren. Manchmal sind Gruppen von Skifahrern auszumachen, sie wirken wie Märklin-Männchen auf einem Baiser. Einige Porträts sind zu finden, und einiges an Technischem, Innenaufnahmen von Seilbahnstationen und sehr geordnet wirkende Anlagen. Allen Bilder haftet eine eigentümliche Melancholie an. Man kann nicht einmal benennen, wie diese erzeugt wird, das macht wohl die Kunst des Fotografen. Man darf ihn sich als Romantiker vorstellen. Manchmal erlaubte er sich den Spaß, nicht wie sonst rechts auf einer Doppelseite ein Foto abzudrucken. Dann kneift der Betrachter die Augen zusammen, versucht herauszufinden, ob nicht vielleicht doch die zarte Struktur einer Wächte, eines Liftes, eines einsamen Skifahrers zu erkennen ist. Nein. Nichts. Das Foto steht links. Schaers Bilder klagen nicht an, sie verurteilen diesen Versuch des Menschen nicht, die Berge auch im Winter zu erobern, vielleicht gar zu beherrschen. Schließlich ist Schaer selbst Skifahrer. Sein Bildband dokumentiert einen Ausschnitt der Winter-Gegenwart. Manchmal sieht man nicht viel, ahnt aber doch, dass etwas verpasst, wer im Winter nicht in die Berge fährt. – François Schaer: Jours Blancs. Kehrer Verlag, Heidelberg 2014. 100 Seiten, 39,90 Euro.

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