Keine gute Idee

Als Amerikas beste Idee wird der Nationalparkgedanke gefeiert. Im März 2022 feiert diese Idee das 150-Jahre-Jubiläum. Nun ist auf Deutsch ein Standardwerk dazu erschienen, John Muir Buch „Yosemite“. Mit einem Vorwort von Mordecai Ogada. Warum das wiederum keine gute Idee ist, darum geht es hier.

Das Yosemite Valley in Kalifornien zählt zu den geradezu mystisch verehrten Landschaften der USA, nicht erst bei Kletterern wie Alex Honnold. Dazu haben einige Menschen beigetragen, auch der Fotograf Ansel Adams, der diese Schönheit der Welt zeigte. Jene Schönheit, die John Muir so beschrieb: „… fließt der kristallklare Merced River. In ihm spiegeln sich Maiglöckchen und Bäume und die alles überschauenden Felsen. Zarte und flüchtige Dinge treffen hier auf die Ewigkeit und vermischen sich in unzähligen Formen, und es hat den Eindruck, als hätte Mutter Natur in diesem Bergpalast ihre ausgesuchtesten Schätze versammelt, um ihre Liebhaber zu beeindrucken und in ihren Bann zu ziehen.“ Yosemite war 1864 eines der ersten Naturschutzgebiete, noch vor der Gründung des Yellowstone-Nationalparks, des ersten weltweiten Nationalparks überhaupt. Geschützt werden sollte damals eben diese landschaftliche Schönheit, aber auch der touristische Wert. 1903 besuchte Präsident Roosevelt das Gebiet, der frühe Umweltaktivist John Muir ging mit ihm zusammen wandern, eine Tour, die heute als der berühmteste Campingtrip der US-amerikanischen Geschichte gilt. Hierbei wurde die Nationalpark-Idee geboren.

1912 schrieb John Muir sein Buch „Yosemite“, es ist nun bei Matthes & Seitz auf Deutsch neu erschienen. Muirs Buch ist eine Lobpreisung des Naturparadieses und eine akkurate Beschreibung der seltenen Pflanzen- und Tierarten, der gigantischen Felsen, der Wasserfälle und der Riesenmammutbäume. Das Buch erscheint in der Reihe „Naturkunden“ und ist, wie die ganze Reihe, wunderschön aufgemacht. Feines Papier, schöner Druck, ansprechendes Cover. Aber damit wollte man es wohl nicht bewenden lassen und hat einen wahren Coup gelandet: Das Vorwort stammt von Mordecai Ogada. Und das ist ein Problem.

Der kenianische Ökologe und Essayist schreibt seit Jahren furios, wütend und unversöhnlich gegen den Naturschutzgedanken an. Er sieht darin eine Fortsetzung des Kolonialismus mit anderen Mitteln. Natürlich hat Ogada oft Recht. So, wenn er schreibt, die Sichtweise europäischer Kolonisten in aller Welt bestimmte „welcher Teil der Biodiversität getötet und welcher gerettet werden sollte“. Die Wünsche der Weißen beeinflussten, „was in der Natur als zu eliminierendes Ungeziefer gilt, was aus Prestigegründen als Trophäe gejagt werden soll und was wertvoll genug ist, um durch den Einsatz von Gewalt geschützt zu werden“. All das gilt natürlich vor allem für den afrikanischen Kontinent. Dort – aber eben auch in den USA und auch im Yosemite – wurden „die Gebiete von Indigenen, die sie einst nutzten, „gesäubert““. 

Aber in manchem irrt Oagada auch. So, wenn er etwa schreibt, jemand wie „Buffalo Bill“ werde „bis heute dafür gefeiert, dass sie im Alleingang Tausende von Bisons getöten haben“. Nein, diese Zeiten sind vorbei. Und ein weiteres Problem vernachlässigt er: Überall, wo Naturschutz ausgerufen wird, stößt das auf Proteste. Keine Frage, dass man diese heute ernst nehmen muss und Menschen nicht mehr barsch umgesiedelt werden können, um Tiere zu retten. Aber auch in Europa kommt es bei der Ausrufung von Schutzgebieten– ganz ohne indigene Völker – zu Schwierigkeiten. Als der Nationalpark Berchtesgaden installiert wurde, liefen die Einheimischen Sturm, dass sie nun nicht mehr auf den Wegen zum Pilzesammeln gehen konnten, die schon der Großvater ging. Und in der Schweiz gibt es bis heute nur einen einzigen Nationalpark, weil alle anderen Projekte – zuletzt zwei Vorhaben im Tessin – von Anwohnern torpediert wurden. Im Prinzip finden die meisten Menschen Naturschutz gut, aber meist nach dem Nimby-Prinzip. Nationalpark ja, aber „not in my backyard“, also nicht bei mir vorm Haus. Würde man also immer und überall auf die direkten Nachbarn hören – es gäbe nirgends geschützte Gebiete.

Weiter schreibt Ogada, bei indigenen Völkern laufe das ganz anders, „Lebensgebiete, Landschaften und Ressourcen gemeinsam mit Wildtieren zu nutzen“ sei eine alte und immer noch aktuelle Praxis indigener Völker auf der ganzen Welt. Aber funktioniert das weiterhin angesichts des Bevölkerungswachstums auf der Erde? 

Und wenn schon, kann man auch fragen, warum denn nun ein Kenianer herangezogen wurde, um zu erklären, was falsch gelaufen ist und vielleicht noch immer falsch läuft beim Nationalpark-Gedanken in den USA. Gibt es keine kritischen Stimmen vor Ort? Ja, es ist kompliziert. Das größte Problem allerdings bleibt die Konfrontation von Vorwort und Originaltext. Geradeso, als würde Friedrich Merz einleitend zu einer Neuausgabe von Marx’s „Kapital“ schreiben oder Luisa Neubauer das Leitwort für die Kohlekommision. Ogadas Text, sein kritischer Ansatz überhaupt, ist für sich genommen lesenswert und regt zum Nachdenken an. Aber warum hat man nicht seinen Essay mit anderen, ähnlich kritischen oder kontroversen Auseinandersetzungen in einen eigenen Band gepackt?

So aber verspürt man leider nach der Lektüre von Mordecai Ogadas keinerlei Lust mehr, John Muirs Buch zu lesen. Und das ist doch ein etwas verquerer verlegerischer Ansatz. Und schade dazu. Man verpasste Sätze wie diese: „Die Gipfel der Range sind dann mit glänzenden Fahnen aus wehendem Schnee geschmückt, deren leuchtender Strom manchmal mehr als eine Meile lang ist und die uns mit feierlichem Überschwang zuwinken, als feierten sie ein alle Erwartungen übertreffendes Fest.“

John Muir: „Yosemite“. Mit einem Vorwort von Mordecai Ogada. Aus dem Englischen von Jens Lindenlaub und Max Henninger. Matthes & Seitz, Berlin 2021. 200 Seiten, 25 Euro

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